FABIAN ZURBRIGGEN
 
   
   
 

 

Seltsamerweise ist der Friedhof ein Ort, an dem mir bewusst wird, was Heimat für mich bedeutet. Denn dort sehe ich all die Leute, die etwas zu meinem Leben beigetragen haben, fühle mich dankbar für das, was sie mir gegeben haben, und zugleich traurig, dass sie nicht mehr da sind.

 

Ich weiss nicht, wie das ein Kind heute erlebt, aber in meiner Kindheit haben die Erwachsenen im Dorf einen zurechtgewiesen, wenn man Dummheiten angestellt hat. Erwachsene waren Autoritätspersonen und Vorbilder. Auch auf dem Weg nach Hause konnte allein die Präsenz eines Erwachsenen mich daran erinnern, dass ich mich anständig verhalten sollte. Nehmen heute die Erwachsenen noch in dieser Weise Anteil am Leben der Kinder?

 

Am Friedhof erinnere ich mich an jene, die meine Kindheit und mein Erwachsenwerden geprägt haben. Manche bloss dadurch, dass sie da waren und am Dorfleben teilnahmen, und ich sie vielleicht in der Messe gesehen habe. Ein älterer Mann erinnerte mich jedes Mal, wenn ich ihn sah, an ein Chamäleon und ich wunderte mich jedes Mal wieso. Auch wenn ich eigentlich nie mit ihm gesprochen habe, so konnte ich ihn immer sonntags in der Messe sehen. Er hat dem Dorf Charakter und Farbe verliehen und zur Konstanz der Gemeinschaft beigetragen.

 

Kapelle

 

Natürlich gab es auch sehr viele engere Kontakte und Austausch mit den Menschen im Dorf. Zum Beispiel wenn ich als Kind kopflos im Garten des Nachbarn umherrannte und spielte und wohl auch ein paar Salatköpfe dabei angestossen habe, bis der Nachbar wütend mit rotem Kopf zu laufen kam und schimpfte. Er schien ein ordentlicher und gewissenhafter Mensch zu sein. Bis ins hohe Alter ging er unablässig seiner Arbeit nach, er stand täglich früh auf und schaute zu seinen Schafen. Mit seiner Stetigkeit hat er auch meinem Leben Ordnung und Halt gegeben.

 

Tagtäglich zeigen die Menschen im Dorf Haltung und gehen ihrem Werk nach, wie in stillem Konsens. Es mag selbstverständlich scheinen und ist es doch nicht. Im eigenen Leben kann es mal hoch und mal runter gehen. Im Dorf geht das Leben weiter, darauf ist Verlass. Der Rhythmus der Gesellschaft trägt, gibt Kraft und Halt, färbt ab und ermutigt. Diese Menschen, mit denen ich zusammenlebe, bilden ein Stück meiner Heimat. Ich bin dankbar, in diesem Dorf gross geworden zu sein und noch heute dort leben zu können.

 

Vor 20 Jahren, im Juli 1995, bin ich in den Oberwalliser Bergen und Wäldern umhergewandert und wollte schauen, ob ich in der Natur überleben könnte von dem, was ich dort finde.

Was wäre, wenn wir uns nicht mehr auf das verlassen könnten, was wir im Alltag so selbstverständlich haben? Aus welchem Grund auch immer dachte ich in jener Zeit an Katastrophen oder Kriege, die uns heimsuchen könnten und uns alles raubten, was wir haben. Ich wollte aber auch unabhängig und eigenständig sein können und war fasziniert von Überlebenskünstlern wie Rüdiger Nehberg. Konnte ich also wirklich eigenständig in der Natur überleben?

 

Ich hatte Messer, Schlafsack, Hängematte und Gaskocher bei mir. Von Brig aus startete ich und ging zuerst bei Geimen ins Tal hinein, fand wenig Essbares, ging darauf ins Grindji, dort fand ich ein paar wilde Erdbeeren, eine Art Erbsen, eine Eidechse, Löwenzahn, verschiedene Wurzeln, Blätter und Blüten. Aber so richtig satt machte das nicht.

 

In der ersten Nacht spannte ich meine Hängematte zwischen zwei Bäumen auf und legte mich hinein. Bei den Geräuschen war mir etwas mulmig, ich konnte nicht schlafen. Also packte ich meine Sachen in der frühen Nacht wieder und ging nach Brig und dann am Glishorn den Berg hinauf. Auf einem breiten Weg lief ich in der Stille der Nacht immer weiter hoch. Ich hörte ein Surren, es kam von einem Strommast weiter vorn. Dieses Surren des Stroms liess mich innehalten. Es erinnerte mich daran, dass der Mensch sich in dieser rauen Natur ein bequemes Daheim geschaffen hat. Im Garten wachsen saftige Tomaten während in der wilden Natur alles klein und wenig nahrhaft ist.

Ich kam auf einen schmalen Weg, die Bäume liessen kein Licht vom Sternenhimmel hindurch. Stockfinster, die eigene Hand vor den Augen nicht sichtbar, ging ich langsam Schritt für Schritt voran, die Hände vor mir ausstreckend und tastend. Das Rauschen des Baches drang aus der Saltinaschlucht herauf, es klang beängstigend nah in dieser tiefschwarzen Dunkelheit. Ich lief bis ins Nesseltal und schlief im Freien vor einer Hütte. Am nächsten Morgen ass ich Löwenzahnblätter und lief ins Nanztal hinein, unterwegs ass ich ein paar Blumenblüten, die ich schon als Kind gegessen hatte.

Das Grünzeug schien mir aber mehr Last als Nahrung für den Magen zu sein, also beschloss ich, erstmal ganz aufs Essen zu verzichten. So lief ich ins Saastal hinein, suchte mir oberhalb Saas-Fee im Wald einen Platz, wo ich schlafen konnte und blieb dort für eine Woche, ass nichts, trank frisches Quellwasser, das so gut wie noch nie schmeckte.

 

Schliesslich wollte ich dann doch endlich wieder was essen. Nach vergeblicher Suche nach einem Tier, das ich fangen könnte, kehrte ich heim und ass mich wieder mal satt. Bisher hatte ich noch keinen Weg gefunden, in der kargen Natur der Walliser Berge zu überleben. Ich machte mich am gleichen Tag wieder auf, diesmal mit wenigstens ein paar Haferflocken im Sack. Insgesamt einen Monat wanderte ich so in den Wäldern herum. Ich probierte vieles, manches schmeckte widerlich, richtig satt wurde ich dabei nie. Zwei Mal kehrte ich während des Monats zurück in die Zivilisation um etwas „Normales“ zu essen.

 

Mir war wohl auch bewusst, dass ich naiv unterwegs war und dass man ich echter Not vielleicht doch ein bisschen mehr Heuschrecken fangen und essen würde. Ich verstand auch nichts vom Jagen oder vom Fischen. Wer sich gut auskennt in der Natur, würde wohl Wege finden zu überleben.

Wieder zurück, fand ich, dass ich an der Aufgabe in der Natur zu überleben gescheitert war. Falls es tatsächlich einmal eine grosse Katastrophe gäbe, dann wäre mein Überleben von der Gemeinschaft abhängig, allein würde es wohl nicht gehen. Wenn ich etwas an Erfahrung gewonnen hatte, dann war es diese Einsicht. Der tiefste Eindruck hinterliess mir aber das nächtliche Surren des Stroms inmitten der kargen Natur. Dankbarkeit und Ehrfurcht erfüllten mich in diesem Moment, weil es so unglaublich erschien, dass die Fülle und Pracht unserer kultivierten Natur trotz der Kargheit der wilden Natur möglich war, welche kulturelle Leistung der Mensch erbracht hat und wie unsicher sie mir trotz allem schien. Im Alltag erscheint es uns so selbstverständlich, und doch ist es nicht leicht zu haben.

 

 

Ich möchte diesen Text einem wertvollen Gemüse widmen, das offensichtlich in der Schweiz in seiner vielfältigen Verwendungsweise nicht bekannt und unterschätzt ist.

 

Darauf komme ich, weil ich kürzlich in einer Firma der Lebensmittelindustrie einen Workshop geleitet habe, in dem ich die japanische Verwendungsweise von Tofu vorstellen konnte. Dabei habe ich verschiedene japanische Gerichte mit Tofu zubereitet und zum Probieren gegeben. Tofu ist in Japan nicht nur dem Vegetarier vorbehalten, er ist dort so verbreitet wie bei uns der Käse. Und schmeckt auch viel besser als bei uns. Das grösste Erstaunen und Begeisterung bei diesem Workshop hat jedoch nicht der Tofu ausgelöst, sondern der im Sud gekochte Rettich!

 

Bei uns findet er anscheinend hauptsächlich im Salat Verwendung. Rettich ist aber auch gekocht sehr fein! In Japan wird er oft in dicken Scheiben im typischen Fischsud und ein wenig Sojasauce gekocht und ziehen gelassen. Bei uns könnte er aber auch sehr gut in einen Topf Siedfleisch vom Rind passen.

Als Bratgemüse kann man ihn in dünnen Scheiben oder kleinen Stiften braten, er ist eine Bereicherung für Suppen und Eintöpfe, man kann ihn auch dezent gewürzt kochen und danach mit einer Sosse servieren. Je nach Schnittgrösse entfaltet er einen anderen Charakter im Gericht. Jedenfalls gibt es unzählige Verwendungsmöglichkeiten als Gemüse, die eine Entdeckung wert sind.

 

Er wird auch in Japan roh verzehrt. Für den traditionellen japanischen Rettichsalat wird Rettich und Karotten fein geraspelt, das lässt man mit Reisessig, Zucker, ein zwei Chilischoten und einer Prise Salz in einer Schüssel ziehen. Mit der Apfelreibe geriebener Rettich ergibt ein Rettichmus, das eine Zutat eines erfrischenden Dips sein kann. Es passt auch bestens als Beilage zu Grilliertem und Frittiertem, in der Art wie Kräuterbutter zum Beispiel.

 

Für die Lagerung wird Rettich in Japan getrocknet. Meist wird er dazu in dünne lange Streifen geschnitten und an der Sonne getrocknet. Beim Zubereiten legt man ihn zuerst in Wasser ein, kocht ihn dann mit Sud auf und lässt ihn auf dem Feuer bis der Sud fast ganz eingekocht ist. Der Rettich hat durch das Trocknen seinen Geschmack verändert. So zubereitet hat er einen säuerlichen Geschmack, der ein bisschen an Sauerkraut erinnert.

 

„Takuan“ ist eingelegter Rettich. Rettich wird in ganzen Stücken erst an der Luft gelassen, damit er etwas an Wasser und Festigkeit verliert, dann in grosser Anzahl in einen Bottich gelegt und eingesalzen, später kommt noch Reiskleie hinzu. Dort kann er sehr lange aufbewahrt werden und entwickelt einen eigentümlichen rässen Geschmack. Nach ein bis zwei Monaten kann man bereits anfangen davon zu essen, er hält sich aber länger als ein Jahr.

 

Ob dick oder dünn, kleingeschnitten oder in Mocken, gebraten oder gekocht, roh oder eingesalzen, getrocknet oder frisch, im Eintopf oder in der Suppe, Rettich ist für mich eines der vielseitigsten Gemüse überhaupt, schmeckt immer wieder anders und immer wieder köstlich. Rettich ist auch überaus gesund und ist eine Bereicherung unserer alltäglichen Küche.

 

Manche hier erwähnten Verwendungsweisen lassen sich zu Hause nicht einfach nachmachen und benötigen wohl den kulturellen Hintergrund, aber bei uns scheint nicht einmal bekannt zu sein, dass man Rettich auch gekocht gut verwenden kann. Ich bin begeistert von dem Gemüse und hoffe, ich konnte Sie auf neue Ideen bringen. Probieren Sie es aus!

 

 

 

In Japan gibt es die Teezeremonie. Ein paar Leute versammeln sich in entspannter Atmosphäre in einem Teehaus oder Teezimmer im traditionellen Stil. Es wird Matcha-Tee, gemahlener Grüntee getrunken, und dazu werden meist Süssigkeiten und unter Umständen auch andere Speisen serviert. Der Raum ist schlicht und einfach, wird geschmückt mit einer Blume. Die benutzten Utensilien sind oftmals erlesene in Handarbeit gefertigte Kunstwerke, z.B. die Teeschalen. Die Teezeremonie folgt einer strengen Form und höflichen Ritualen. Jede Handlung und Geste ist peinlich genau bestimmt, beginnend beim rituellen Empfang, über die sorgfältige Zubereitung und den Genuss des Tees, bis zur Verabschiedung am Schluss. Die Art und Weise, wie der Bambuslöffel in die Hand genommen wird, wie damit Teepulver der Dose entnommen wird und wie die Pulverresten vom Löffel sachte in die Teeschale geklopft werden, alles ist festgelegt. Die strenge Form ist in Wirklichkeit ein sehr natürlicher Ablauf von Geschehnissen, jede Handlung soll so ausgeführt werden, wie es in der Natur der Sache liegt.

 

Die Zeremonie ist geprägt von Wertschätzung im Umgang mit dem Mitmenschen und auch im Umgang mit den Dingen. Die vier Grundwerte in der traditionellen Kunstform sind Respekt, Stille, Harmonie und Reinheit. Mit frischem Wasser wäscht man sich Hände und Mund vor Beginn und betritt nicht nur mit sauberen Händen auch mit reinem Geiste den Raum. Es wird geredet, es ist aber ein Ort um zur Ruhe zu kommen. Die Harmonie findet sich in der Ästhetik der Gegenstände, in der zarten Blume, die zurzeit auch gerade draussen in der Natur blüht, und natürlich zwischen den Menschen.

 

Oder anders beschrieben mit den Worten des Meisters Rikyu:

„Bereite eine köstliche Schale Tee; lege die Holzkohle so, dass sie das Wasser erhitzt; ordne die Blumen so, wie sie auf dem Feld wachsen; im Sommer rufe ein Gefühl von Kühle, im Winter warme Geborgenheit hervor; bereite alles rechtzeitig vor; stelle dich auf Regen ein, und schenke denen, mit denen du dich zusammenfindest, dein ganzes Herz.“

 

Die Teezeremonie ist weit verbreitet in Japan, viele Japaner lernen die Rituale und Formen des Teemeisters und üben sie regelmässig. Andere begnügen sich damit, Gast zu sein und sich so am formellen Teeumtrunk zu beteiligen. Diese rituellen Umgangsformen haben eine lange Tradition und sind allen Japanern mehr oder weniger geläufig. Die in der Zeremonie verinnerlichten Formen und Rituale wurden in den Alltag mitgenommen und haben die alltäglichen Umgangsformen in Japan im Laufe der Zeit geprägt. So wird die Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme, die einem der Japaner zukommen lässt, sicher auch von solchen Traditionen herrühren.

 

Nun, bei uns würde man wohl eher Kaffee statt Tee trinken. Ja, stellen Sie sich mal vor, es gäbe bei uns eine Kaffeezeremonie. Ein harmonisches Beisammensein in einem schlichten schönen Raum, im traditionellen Walliser Baustil, und ein Holzfeuer, auf dem der Wassertopf kocht; der Kaffee wird nach allen Regeln der Kunst perfekt zubereitet, in entspannter Atmosphäre wird er mit kleinen Köstlichkeiten genossen. Sorgfalt und Ruhe im Umgang mit den Utensilien, Freundlichkeit und Zuvorkommenheit gegenüber den anderen Teilnehmern bestimmen die Runde. Diese Erfahrung tragen sie von dort in den Alltag hinein, lassen die Freude an dieser Ästhetik im Alltag aufleben, erfreuen sich der Harmonie der zeremoniellen Umgangsformen in alltäglicher Gesellschaft. Wäre vielleicht auch schön, oder?

 

 

Vielleicht haben Sie folgenden Witz schon mal gehört:

Eine Blondine geht zum Frisör. Der Frisör sagt: „Nehmen Sie bitte die Kopfhörer ab!“. Die Blondine wehrt sich: „Nein, das geht doch nicht.“ Erwidert der Frisör: „Aber ich kann Ihnen so doch nicht die Haare schneiden!“ und setzt ihr die Kopfhörer ab. Nach einem kurzen Moment fällt sie tot um. Erstaunt nimmt er den Kopfhörer und hört hinein: „Einatmen,… ausatmen, … einatmen, …“

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich will mich nicht lustig machen über Blondinen. Bei der Meditation geht es zuerst mal darum, sich auf die Atmung zu konzentrieren, also regelmässig und tief zu atmen. Nichts anderes als sich ständig zu sagen: Einatmen,… ausatmen, … einatmen, …

So einfach das scheint, so schwierig ist es dann doch, stets regelmässig und tief zu atmen. In unserem Alltag atmen wir oftmals unbewusst eher flach, und je nach Gefühlszustand kann auch der Rhythmus unserer Atmung gestört sein. Traurigkeit kann die Atmung zittrig werden lassen, im Stress atmen wir schnell und flach, wenn wir wütend sind vielleicht schnaubend. Für einen Schauspieler kann das gerade ein Hilfsmittel sein, sich in einen Gemütszustand hineinzuversetzen. Er imitiert die typische Atmung eines Gemütszustands, indem er z.B. schluchzend und zitternd ein- und ausatmet.

 

In der Meditation benötigt es viel Konzentration auf die Atmung. In ihr liegt Kraft und Ruhe, wenn sie tief und regelmässig ist. Wenn man abschweift, wird sie sogleich viel flacher und wird durch Gedanken und Gefühle im Rhythmus gestört.

Als ich im Zendo in Japan manchmal mehrere Stunden meditierte, dann hatte ich immer grossen Appetit beim Essen. Zum einen weil die Konzentration auch Energie verbrauchte, zum anderen weil die Verdauung angeregt und stark war, wie ein Feuer, das im Bauch schwelt. Wenn ein Feuer gut mit Luft versorgt ist, dann brennt es gut. Ein Feuer, das schlecht mit Luft versorgt ist, erstickt und gibt Rauch und Qualm von sich. Genau so schien es mir mit der Verdauung zu sein, eine tiefe Atmung regte das Verdauungs“feuer“ an.

 

Der berühmte Zen-Philosoph Kitaro Nishida hat einmal gesagt: „Der Grund meines Herzens ist so tief, dass er von den Wellen der Freude und der Trauer nicht bewegt wird.“

Unsere Atmung soll unerschütterlich sein, tief und ruhig. Dann kann sie uns diese Erfahrung nahe bringen, die der Zen-Philosoph mit seinen Worten beschreibt.

Eine entspannte Atmung trägt viel zu unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden bei. Umgekehrt macht uns eine flache Atmung unstabiler, auch im Geiste.

Vielleicht sollten wir uns einfach öfter mal daran erinnern, tief durchzuatmen. „Langsam ausatmen… und einatmen, langsam ausatmen … und einatmen, …“ - und uns als Erinnerungshilfe einen Kopfhörer aufsetzen? ;-)

 

 

 

Der Zen Meister Gensho Hozumi, bei dem ich Zen übte, gestaltete jeweils eine Seite eines Jahreskalenders. Darin gab es jeden Monat eine Kalligraphie oder eine Tuschemalerei eines anderen Zen Meisters, die das Wesen des Zen ausdrückten.

Anfang des Jahres bei der Neujahrsfeier überreichte er jeweils diese Kalender an die Leute vom Dorf. Er zeigte den versammelten Leuten die Seite jenes Monats, die er gezeichnet hatte: es war eine anmutige meditierende Gestalt und er sagte dazu, die sei wirklich gut herausgekommen, die habe er schön gemalt!

Die Leute waren ein bisschen erstaunt und schmunzelten. In Japan ist man generell sehr zurückhaltend mit Eigenlob, und als Zen Meister erst recht, sollte man denken.

 

Wie kommt es nun, dass gerade ein Zen Meister so unbescheiden seine Leistung hervortut?

 

Andererseits, soll ich meine Leistung nicht auch selber anerkennen, so wie sie ist?

 

Es kann umgekehrt gar widerwärtig sein, wenn ich vor den Leuten mich und meine Leistungen herunterspiele und als gemein und nicht besonders gut darstelle, obwohl ich das gar nicht so denke. Obwohl ich vielleicht selber sehe, dass ich eine gute Leistung erbracht habe, oder das zumindest von mir glaube. Oder wenn ich bewusst bescheiden auftrete und mich insgeheim mit Bescheidenheit brüste. Und ich mich lieber sonne in meinen Vorzügen, dass ich ein so tugendhafter Mensch bin.

Unbescheidenes Auftreten ist nun mal nicht schön, aber vorsätzliche Bescheidenheit scheint auch nicht ganz ehrlich. Also wie soll ich mich denn verhalten?

 

Es gibt eine schöne Anekdote dazu:

Ein Weiser sagte zu einem Zen-Mönch: „Ich bin innerlich so frei und so sehr von allem losgelöst, dass ich nie mehr an mich selber denke, sondern nur noch an andere.“

Der Zen-Mönch erwiderte: „Ich bin innerlich so frei und so sehr von allem losgelöst, dass ich mich selbst betrachten kann, als wär ich ein anderer, und deshalb kann ich auch an mich selbst denken.“

 

Für mich liegt dort eine wichtige Erkenntnis und eine Einsicht in Grundzüge unseres Seins, nicht nur was Bescheidenheit betrifft. Generell, sind wir dann gut als Mensch, wenn wir zu uns selbst ebenso gut sind wie wir es zu einem anderen wären, wenn wir zu einem anderen ebenso gut sind wie wir es zu uns selber wären. Und diese Botschaft finden wir auch in den Worten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

 

Bescheidenheit ist für mich nichts anderes als die Anerkennung der Wirklichkeit. Und Bescheidenheit als Tugend scheint mir gar nicht notwendig, wenn ich die Dinge reinen Herzens sehe. Erst die Unbescheidenheit verlangt nach Bescheidenheit. Erst wenn ich beginne, mich selber zu überschätzen und damit angebe, wenn ich das gesunde Gleichgewicht verliere, dann wird der Ruf nach Bescheidenheit laut.

 

 

 

Kürzlich sass ich zusammen mit einem Chinesen auf dem Sessellift. Die Leistung der Schweiz sei schon beeindruckend, sagte er. Sie verfüge nicht über grosse natürliche Ressourcen und könne sich auch nicht auf billige Arbeitskräfte stützen, dennoch behaupte sie sich im globalen Wettstreit als Wirtschaftsmacht. Sie punkte mit Qualität und Zuverlässigkeit. Die Schweiz schaffe Vertrauen, auf ihre Dienste könne man sich verlassen, deshalb würden auch so viele ihr Geld den Schweizer Banken anvertrauen. Die Neutralität unseres Landes sei auch vorteilhaft, da wir nicht in Konflikte involviert würden.

Im Ausland werden einem die Eigenheiten des eigenen Landes klarer, da man auf Unterschiede zum Gewohnten stösst. Wenn ich in China unterwegs bin, fällt mir tatsächlich auf, dass manche Arbeiten unsorgfältiger als in der Schweiz ausgeführt sind. Ein chinesischer Freund aus Beijing ärgert sich über die Einstellung vieler Arbeiter in China, „so-lala“ sei ihnen gerade gut genug, viele kümmern sich nur ums Geld und hätten wenig Interesse daran, eine wirklich gute Leistung zu erbringen. Sie würden mit minimalem Einsatz nur mässig ihre Pflicht erfüllen, sagt er. Früher gab es aber in China angeblich auch mehr gut ausgebildete Handwerker und einen dazugehörigen Berufsstolz.

 

Ein Freund hat mir erzählt, dass er in der Schweizer Lehre stets daraufhin geschult wurde, Arbeiten sorgfältig und sachgerecht auszuführen. Leider stellt er einen Trend fest, dass heute unter mehr Zeitdruck gearbeitet werden müsse und ein Lehrling nicht mehr genug Zeit habe, sein Handwerk richtig zu erlernen. Heute wollen Firmen lieber Zeit einsparen, darunter leiden die Qualität und die Tradition eines Handwerkes.

 

Victorinox

 

Wissen Sie wie lange Victorinox für die Qualität ihrer Sackmesser garantiert? - Ein Leben lang! Die Uhrenfirma Patek Phillippe wirbt damit, dass ihre Uhren mehrere Generationen überdauern. Ich denke, die ganze Schweizer Wirtschaft profitiert vom Vertrauen, das solche Firmen mit ihren Produkten schaffen. Heute wird hingegen auf der ganzen Welt die Kurzlebigkeit von Produkten immer auffallender. Ein Trend, der sich auch in der Schweiz zeigt. Mich erschreckt das! Ich bedauere sehr, dass es einen solchen Trend gibt, wir bauen eine unserer wichtigsten Stärken ab.

 

Gerade jetzt im allgemeinen Trend zu immer kurzlebigeren Produkten sollten wir umso mehr auf Qualität setzen. Das beste und wichtigste Argument der Schweiz im internationalen Wettbewerb ist doch das Vertrauen, das wir schaffen!

Es ist nämlich wirklich erstaunlich, dass die kleine Schweiz eine solche Wirtschaftskraft an den Tag legen kann. Wir überzeugen mit Qualität. Ich hoffe sehr, dass wir uns dessen bewusst sind und dass wir weiterhin beste Bedingungen schaffen, damit wir Produkte und Leistungen erbringen können, auf die man sich verlassen kann.

 

 

 

Das chinesische Wort kaixin 开心 kann auf Deutsch mit „heiter, froh, vergnügt“ übersetzt werden. Auf Englisch bedeutet es „happy, joyous“. Es wird im Chinesischen häufig verwendet. Wenn man sagt: „Hat’s Spass gemacht?“, „Geht es dir gut, bist du glücklich?“, dann kommt in China regelmässig das Wort kaixin vor.

Das Wort besteht aus zwei Zeichen, das erste Zeichenkai bedeutet „offen“ oder „öffnen“, das zweite Zeichen xin heisst „Herz“. Wenn man die Zeichen einzeln für sich anschaut, dann kann man das auch so lesen: „das Herz öffnen“ oder „offenes Herz“. Ob das ursprünglich bewusst und absichtlich in diesem Sinn benutzt wurde, ist mir nicht bekannt. Heute wird das Wort kaixin ganz einfach im Sinne von „fröhlich, vergnügt“ benutzt.

 

kaixin

 

Mir gefällt dieses Wort. Es drückt aus, was ich aus meiner eigenen Erfahrung kenne, nämlich dass wahre Freude einem offenen Herzen entspringt.

Glücklich, vergnügt und heiter sind wir doch dann, wenn wir furchtlos unser Herz öffnen, unsere Stimmung und unser Befinden mitteilen und teilen können. Dann, wenn wir auch Eindrücke von aussen nach innen lassen können, unsere Umgebung mit offenem Herzen wahrnehmen.

 

Stellen Sie sich vor, wie es ist, sein Herz zu verschliessen. Können Sie sich glücklich fühlen mit verschlossenem Herzen? Die Mitmenschen kommen nicht wirklich an uns heran, und wir schotten uns ab vor der Freud und dem Leid anderer.

Oder es kann auch sein, dass wir unser Herz nur einseitig verschliessen, so dass wir uns zwar mitteilen können aber ohne dabei auf unsere Mitmenschen zu hören und Rücksicht zu nehmen. Oder umgekehrt, wir nehmen zwar Anteil an unserer Umgebung, können uns aber selber nicht mitteilen.

Das Herz öffnen, ohne Furcht! Ein verschlossenes Herz ist von Furcht bestimmt. In dieser Furcht liegt wohl auch die Wurzel von Egoismus, in der Unfähigkeit sein Herz ganz und ohne Rückhalt zu öffnen und einfach vergnügt zu sein.

 

Kaixin!

Mit offenem Herzen in die Welt hinaus! Was könnte es Schöneres geben?

 

 

Heute wird das Zölibat in der Öffentlichkeit oft diskutiert und auch dessen Aufhebung gefordert. Welche Bedeutung hat denn das Zölibat für den spirituellen Weg?

Mit 25 Jahren entschloss ich mich, im Herbst nach Japan in ein Zendo zu gehen um mich anhand der Zen Meditation mit mir selbst intensiv auseinanderzusetzen. Als ich dem Roshi des Zendos mitteilte, dass ich für einen langen Aufenthalt kommen wolle, wies er mich darauf hin, dass es sehr kalt werden könne im Winter, die Räume im Haus seien nicht geheizt.

Das machte mir Sorgen. Wenn Leute bei uns im Winter in den Bergen verloren gehen, dann erfrieren sie über Nacht. Was nun, wenn ich in Japan krank werde und in der Kälte nicht mehr gesund werde? Sollte ich es dann darauf ankommen lassen und alles geben bis zum Schluss, auch wenn ich das nicht überleben werde? Ist es nicht gerade diese Haltung, sich ohne Zurückhaltung dem spirituellen Weg zu widmen, die notwendig ist und es erst möglich macht, einen echten Durchbruch zu erreichen? Aber andererseits, dürfte ich das meinem Vater antun, dass ich schlimmstenfalls im Sarg zurückkomme aus Japan?

Diese Fragen stellte ich mir ernsthaft vor meiner Abreise. Als ich mich nun aufmachte, wusste ich nicht worauf ich mich einliess und wie lange ich tatsächlich bleiben werde.

 

Es war nicht so schlimm, wie ich es mir vorstellte. Aber ich hatte in den sieben Jahren in Japan jeden Winter Frostbrand und Frostbeulen. Das war früher bei uns anscheinend auch nicht ungewöhnlich, mein Vater kannte das aus seiner Kindheit im Saastal.

Im Zendo begann jeweils am 1. Dezember eine intensive Trainingswoche. Bis zum Morgen des 8. Dezember wurde den ganzen Tag meditiert, selbst nachts sollte möglichst ohne zu schlafen durchmeditiert werden, während sieben Tagen und sieben Nächten. Davor sollten wir all unser Hab und Gut packen und mit unserer Adresse von zu Hause beschriften. Damit wir ohne Bedenken uns voll und ganz dem Training widmen können und unseren Kollegen keine Umstände bereiten würden, falls wir die Trainingswoche nicht überleben. Auch wenn normalerweise niemand dabei umkam, so sollte uns das doch anspornen, dass wir uns voll und ganz dem Training widmen sollten.

 

Bei der Zen Meditation heisst es, man müsse den grossen Tod sterben und dann wiedergeboren werden. Vielleicht mit anderen Worten: Das, was wir als „Ich“ im Alltag wahrnehmen, sollen wir aufgeben und zu einem vom Ego ungetrübten Selbstbewusstsein zurückfinden.

Ein katholischer Priester aus den Niederlanden, hat in einer Predigt auf ähnliche Weise Anleitung zum Gebet gegeben. Er sagte, im Gebet müsse man den Tod und die Auferstehung von Jesus durchleben.

Die spirituelle Reise verlangt eine Hingabe, die kein Zurück kennt und nicht weiss, ob nach der vollkommenen Aufgabe von sich selbst noch etwas übrigbleibt.

Aber kann man sich vollkommen hingeben, ohne Bedenken und Furcht vor dem eigenen Tod, wenn man Verantwortung für Familie und Kind trägt? In einer Ehe und Familie entstehen finanzielle, emotionale und fürsorgerische Verantwortung für den Partner und die Kinder. Und dann kann man dennoch die Bande zum Diesseits aufgeben?

 

Während meiner Zeit in Japan habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob es wohl möglich sei, solch einen Weg weiterzugehen, wenn ich verheiratet wäre. Mir schien immer, dass eine solche Hingabe in Konflikt kommt mit den Verpflichtungen, die man mit der Gründung einer Familie eingeht. Zudem ist es doch viel leichter, sich für ein Leben der Einfachheit und des Verzichts zu entscheiden, wenn man alleinstehend ist.

Nun, es ist sicher nicht unmöglich, sich dem Weg der Spiritualität zu widmen und gleichzeitig Familie und Kinder zu haben, aber ob das Zölibat irgendwann aufgehoben oder doch beibehalten wird, sollte am besten die Kirche entscheiden.

 

 

Der japanische Zen Meister Sougen Yamakawa wurde oft gebeten, Kalligraphien zu schreiben. Da er in frühen Jahren noch eher ungeschickt in der Kalligraphie war, begann er sich darin zu üben. Mit der Übung bemerkte er auch immer mehr die qualitativen Unterschiede von guten und von schlechten Pinseln. Ein guter Pinsel muss die nötige Elastizität und Festigkeit des Pinselhaars haben, so dass er nach festem Druck wieder zurück in die Form findet und nicht platt bleibt.

 

Als er einmal in China auf Reisen war, kaufte er kurzentschlossen einen recht teuren Pinsel. Er wollte ihn auch gleich benutzen und sich in der Kalligraphie üben. Ob es wohl daran lag, dass das Pinselhaar aus Schafhaar bestand, jedenfalls hatte der Pinsel kein „Rückgrat“, wie man in der Umgangssprache sagt.

Er versuchte es mehrmals, aber alle Mühe war vergeblich. Es liessen sich einfach keine schönen Zeichen schreiben. Als er sich bei einem Experten erkundigte, sagte dieser: Du musst den Pinsel jeden Tag benutzen, ein oder zwei Zeichen genügen schon. Wenn du damit drei Jahre lang fortfährst, dann wirst du einen ausgezeichneten Pinsel mit schöner Festigkeit haben.

 

Kalligraphie

 

Es ist so, dass sich durch den täglichen Gebrauch allmählich im winzigen hohlen Innenraum des Pinselhaars durch das stetige Eindringen von wenig Tusche ein Kern bildet und der Pinsel schliesslich ein starkes „Rückgrat“ hat.

Pinsel, die von Anfang an gut zu gebrauchen sind, verlieren umgekehrt oft schon nach kurzer Zeit ihre Festigkeit.

 

„Ein guter Pinsel braucht drei Jahre bis er in Form ist.“ Auch im Zen gibt es eine Redewendung, die sagt „Drei Jahre auf dem Stein“, was bedeutet: Zen Training braucht mindestens drei Jahre Meditation auf einem Stein sitzend.

Man sagt auch: Um das Wesen zu erkennen, beginne bei der Form, erlerne die Form. Die überlieferte traditionelle Form, die seit alters her verfeinert und weitergegeben wird, ist frei von Überfluss und Verschwendung, sie macht Sinn. Es gibt vielerlei Arten von überlieferten Formen. Im Handwerk, in den Künsten, oder die Formen und Rituale im täglichen Umgang mit den Mitmenschen und viele mehr.

 

Im Zen Training z. B. wird in jeglichen Ritualen und alltäglichen Tätigkeiten eine strenge Einhaltung von Formen gefordert. Das geht soweit, dass selbst die Art wie man läuft, die Art des Sich-Kleidens, selbst wie man die Essstäbchen benutzt, alles strikt beachtet wird. Von den älteren Studenten beobachtet und zurechtgewiesen, erlernt der Neuling die täglichen Abläufe. Mit der Zeit reift das Verständnis für das der Form innewohnende Wesen, und die Form wird allmählich zur Selbstverständlichkeit. Im Zen bedeutet das auch, sich in Aufrichtigkeit und Natürlichkeit zu bilden.

Mir gefällt dieser Vergleich mit dem Pinsel. Und doch wundere ich mich. Wenn man dem Kind beibringt, „Danke“ zu sagen, wenn es etwas erhält, erlernt es dadurch einfacher Dankbarkeit?

Aus diesem Blickwinkel sollte man auch Traditionen und Konventionen betrachten. Durch die Tradition eignen wir uns ein Wissen an, das aus der Erfahrung gewachsen ist und nicht aufgrund von Logik und Rationalität zustande gekommen ist. Ein Wissen und Verständnis, das durch Nachahmung und Wiederholung mitgeteilt und weitergegeben wird. Das sich in Formen lebendig hält, welche sich über lange Zeit gebildet und an der Wiederholung geschliffen haben.

 

Logik und Wissenschaft hingegen verlangen die sofortige Nachvollziehbarkeit, nehmen nicht die Zeit für einen inneren Reifeprozess. Dagegen hat Althergebrachtes heute manchmal einen schweren Stand. Es muss sich vor der Wissenschaft und der Modernisierung behaupten. Unsere Ansichten müssen mit Logik nachvollziehbar sein. Aber kann die Wissenschaft in allen Lebensbereichen die nötigen Antworten geben?

Befreit von althergebrachten Formen und Konventionen, soll sich jeder individuell entwickeln und entfalten können, soll die eigene originelle Antwort auf Fragen des Lebens geben. Das wird heute bereits von Kindesalter an gefördert.

Können wir denn eigene originale Antworten geben, ohne erstmal bestimmte Umgangs- und Verhaltensformen und damit auch Haltung erlernt zu haben? Ohne unser eigenes Wesen wirklich zu begreifen?

 

Sicher ist nicht alles gut, bloss weil es Tradition ist, und schon gar nicht vollkommen. Ungutes muss man aufgeben und Traditionen wandeln sich. Mir scheint aber, heute wird der Wert von Tradition und Brauchtum oft verkannt.

Oder befreien wir uns zurzeit einfach von vielen althergebrachten Konventionen und Traditionen, um dann irgendwann deren wahren Wert wiederzuentdecken?

 

 

 

 

In Kyoto gibt es einen weltbekannten kleinen Tempelgarten, der Steingarten des Ryoan-ji. Er ist als UNESCO Weltkulturerbe aufgeführt und ist in der Tradition der Zen-Schule entstanden. Japanische Gärten, im Gegensatz zu den französischen Gärten mit ihren strengen geometrischen Formen, sind generell eine nach möglichst natürlichen Mustern angelegte Kombination von Wasser, Bäumen, Sträuchern, Gräsern, Steinen und Moosen. Sie werden harmonisch in ihre Umgebung eingebettet.

 

Steingarten Ryoanji Japan

 

Der Steingarten des Ryoan-ji gehört einer Sonderform des japanischen Gartens an, die man „trockene Landschaft“ nennt. Mit Moos, Steinen und Kies wird eine ganze Landschaft im Kleinformat nachgebildet. Der geharkte Kies stellt die Gewässer dar, die Steine stehen für die Berge und das Moos für das Grün in der Landschaft.

 

Dieser Steingarten strahlt eine tiefe Harmonie aus. In diesem Hort der Ruhe und des Friedens, auf der Rückseite des Holzgebäudes, befindet sich ein schattiger Garten mit Moosen, in dem ein zylinderförmiges Wasserbecken steht. Es ist aus Stein gefertigt mit einer quadratischen Vertiefung in der Mitte, die mit Wasser gefüllt ist, welches von einem Bambusrohr von oben herabtropft. Am Beckenrand ist zu jeder Seite jeweils ein Schriftzeichen zu sehen, das aber nicht vollständig ist. Erst die quadratische Form des Beckens in der Mitte ergänzt alle vier Zeichen zu einem Ganzen. Es sind die folgenden Zeichen: 吾 唯 足 知. Jedes dieser Zeichen enthält ein Viereck, unten, links, oben und rechts. So ergibt sich ein Spiel der Form des Wasserbeckens mit der Form der Schriftzeichen.

 

„Ich kenne nur Zufriedenheit“, ist die Bedeutung dieser vier Worte.

 

Wasserbecken Ryoanji Zufriedenheit

 

Können Sie das von sich auch behaupten? Dass Sie immer zufrieden sind?
Das sind mutige Worte! Ob arm oder reich, ob gesund oder krank, ob respektiert oder gering geachtet, können wir, ganz gleich was kommt, immer zufrieden sein? Solche Worte können wohl nur einem abgeklärten und weisen Geiste entspringen. Und gerade in dieser friedlichen Umgebung des Gartens scheinen diese Worte besonders glaubhaft.

 

Es ist also möglich. Wir können jederzeit und immer zufrieden sein! Das teilt mir ein Mönch aus vergangenen Zeiten durch diesen Brunnen mit.
Und wie können wir dahin kommen? Indem wir uns alle Wünsche ausnahmslos erfüllen und dann wunschlos glücklich sind? Wohl kaum!

Aber wie denn? Wie sollen wir leben? Wie können wir zufrieden und glücklich sein?

 

Nun, das ist eine Frage, die wir uns immer wieder stellen sollten. Mit dem Wissen, dass Zufriedenheit nicht von aussen kommt, sondern sicherlich von innen.

 
SVP Schweiz
 
 
Hier finden Sie Informationen und Empfehlungen für die Schweizer Nationalratswahlen 2015. Ich stelle Ihnen wertvolle Kandidaten für den Nationalrat vor und gebe Ihnen eine Wahlempfehlung für den Ständerat im Kanton Wallis. In den Wochen vor den Wahlen werde ich auf dieser Webseite laufend meine Positionen und Gedanken zu aktuellen Themen veröffentlichen. Ausserdem finden Sie Informationen zur Politik der SVP. Ich hoffe, Ihnen bei der richtigen Wahl helfen zu können.
 
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FABIAN ZURBRIGGEN

 

Seltsamerweise ist der Friedhof ein Ort, an dem mir bewusst wird, was Heimat für mich bedeutet. Denn dort sehe ich all die Leute, die etwas zu meinem Leben beigetragen haben, fühle mich dankbar für das, was sie mir gegeben haben, und zugleich traurig, dass sie nicht mehr da sind.

 

Ich weiss nicht, wie das ein Kind heute erlebt, aber in meiner Kindheit haben die Erwachsenen im Dorf einen zurechtgewiesen, wenn man Dummheiten angestellt hat. Erwachsene waren Autoritätspersonen und Vorbilder. Auch auf dem Weg nach Hause konnte allein die Präsenz eines Erwachsenen mich daran erinnern, dass ich mich anständig verhalten sollte. Nehmen heute die Erwachsenen noch in dieser Weise Anteil am Leben der Kinder?

 

Am Friedhof erinnere ich mich an jene, die meine Kindheit und mein Erwachsenwerden geprägt haben. Manche bloss dadurch, dass sie da waren und am Dorfleben teilnahmen, und ich sie vielleicht in der Messe gesehen habe. Ein älterer Mann erinnerte mich jedes Mal, wenn ich ihn sah, an ein Chamäleon und ich wunderte mich jedes Mal wieso. Auch wenn ich eigentlich nie mit ihm gesprochen habe, so konnte ich ihn immer sonntags in der Messe sehen. Er hat dem Dorf Charakter und Farbe verliehen und zur Konstanz der Gemeinschaft beigetragen.

 

Kapelle

 

Natürlich gab es auch sehr viele engere Kontakte und Austausch mit den Menschen im Dorf. Zum Beispiel wenn ich als Kind kopflos im Garten des Nachbarn umherrannte und spielte und wohl auch ein paar Salatköpfe dabei angestossen habe, bis der Nachbar wütend mit rotem Kopf zu laufen kam und schimpfte. Er schien ein ordentlicher und gewissenhafter Mensch zu sein. Bis ins hohe Alter ging er unablässig seiner Arbeit nach, er stand täglich früh auf und schaute zu seinen Schafen. Mit seiner Stetigkeit hat er auch meinem Leben Ordnung und Halt gegeben.

 

Tagtäglich zeigen die Menschen im Dorf Haltung und gehen ihrem Werk nach, wie in stillem Konsens. Es mag selbstverständlich scheinen und ist es doch nicht. Im eigenen Leben kann es mal hoch und mal runter gehen. Im Dorf geht das Leben weiter, darauf ist Verlass. Der Rhythmus der Gesellschaft trägt, gibt Kraft und Halt, färbt ab und ermutigt. Diese Menschen, mit denen ich zusammenlebe, bilden ein Stück meiner Heimat. Ich bin dankbar, in diesem Dorf gross geworden zu sein und noch heute dort leben zu können.

 

Vor 20 Jahren, im Juli 1995, bin ich in den Oberwalliser Bergen und Wäldern umhergewandert und wollte schauen, ob ich in der Natur überleben könnte von dem, was ich dort finde.

Was wäre, wenn wir uns nicht mehr auf das verlassen könnten, was wir im Alltag so selbstverständlich haben? Aus welchem Grund auch immer dachte ich in jener Zeit an Katastrophen oder Kriege, die uns heimsuchen könnten und uns alles raubten, was wir haben. Ich wollte aber auch unabhängig und eigenständig sein können und war fasziniert von Überlebenskünstlern wie Rüdiger Nehberg. Konnte ich also wirklich eigenständig in der Natur überleben?

 

Ich hatte Messer, Schlafsack, Hängematte und Gaskocher bei mir. Von Brig aus startete ich und ging zuerst bei Geimen ins Tal hinein, fand wenig Essbares, ging darauf ins Grindji, dort fand ich ein paar wilde Erdbeeren, eine Art Erbsen, eine Eidechse, Löwenzahn, verschiedene Wurzeln, Blätter und Blüten. Aber so richtig satt machte das nicht.

 

In der ersten Nacht spannte ich meine Hängematte zwischen zwei Bäumen auf und legte mich hinein. Bei den Geräuschen war mir etwas mulmig, ich konnte nicht schlafen. Also packte ich meine Sachen in der frühen Nacht wieder und ging nach Brig und dann am Glishorn den Berg hinauf. Auf einem breiten Weg lief ich in der Stille der Nacht immer weiter hoch. Ich hörte ein Surren, es kam von einem Strommast weiter vorn. Dieses Surren des Stroms liess mich innehalten. Es erinnerte mich daran, dass der Mensch sich in dieser rauen Natur ein bequemes Daheim geschaffen hat. Im Garten wachsen saftige Tomaten während in der wilden Natur alles klein und wenig nahrhaft ist.

Ich kam auf einen schmalen Weg, die Bäume liessen kein Licht vom Sternenhimmel hindurch. Stockfinster, die eigene Hand vor den Augen nicht sichtbar, ging ich langsam Schritt für Schritt voran, die Hände vor mir ausstreckend und tastend. Das Rauschen des Baches drang aus der Saltinaschlucht herauf, es klang beängstigend nah in dieser tiefschwarzen Dunkelheit. Ich lief bis ins Nesseltal und schlief im Freien vor einer Hütte. Am nächsten Morgen ass ich Löwenzahnblätter und lief ins Nanztal hinein, unterwegs ass ich ein paar Blumenblüten, die ich schon als Kind gegessen hatte.

Das Grünzeug schien mir aber mehr Last als Nahrung für den Magen zu sein, also beschloss ich, erstmal ganz aufs Essen zu verzichten. So lief ich ins Saastal hinein, suchte mir oberhalb Saas-Fee im Wald einen Platz, wo ich schlafen konnte und blieb dort für eine Woche, ass nichts, trank frisches Quellwasser, das so gut wie noch nie schmeckte.

 

Schliesslich wollte ich dann doch endlich wieder was essen. Nach vergeblicher Suche nach einem Tier, das ich fangen könnte, kehrte ich heim und ass mich wieder mal satt. Bisher hatte ich noch keinen Weg gefunden, in der kargen Natur der Walliser Berge zu überleben. Ich machte mich am gleichen Tag wieder auf, diesmal mit wenigstens ein paar Haferflocken im Sack. Insgesamt einen Monat wanderte ich so in den Wäldern herum. Ich probierte vieles, manches schmeckte widerlich, richtig satt wurde ich dabei nie. Zwei Mal kehrte ich während des Monats zurück in die Zivilisation um etwas „Normales“ zu essen.

 

Mir war wohl auch bewusst, dass ich naiv unterwegs war und dass man ich echter Not vielleicht doch ein bisschen mehr Heuschrecken fangen und essen würde. Ich verstand auch nichts vom Jagen oder vom Fischen. Wer sich gut auskennt in der Natur, würde wohl Wege finden zu überleben.

Wieder zurück, fand ich, dass ich an der Aufgabe in der Natur zu überleben gescheitert war. Falls es tatsächlich einmal eine grosse Katastrophe gäbe, dann wäre mein Überleben von der Gemeinschaft abhängig, allein würde es wohl nicht gehen. Wenn ich etwas an Erfahrung gewonnen hatte, dann war es diese Einsicht. Der tiefste Eindruck hinterliess mir aber das nächtliche Surren des Stroms inmitten der kargen Natur. Dankbarkeit und Ehrfurcht erfüllten mich in diesem Moment, weil es so unglaublich erschien, dass die Fülle und Pracht unserer kultivierten Natur trotz der Kargheit der wilden Natur möglich war, welche kulturelle Leistung der Mensch erbracht hat und wie unsicher sie mir trotz allem schien. Im Alltag erscheint es uns so selbstverständlich, und doch ist es nicht leicht zu haben.

 

 

Ich möchte diesen Text einem wertvollen Gemüse widmen, das offensichtlich in der Schweiz in seiner vielfältigen Verwendungsweise nicht bekannt und unterschätzt ist.

 

Darauf komme ich, weil ich kürzlich in einer Firma der Lebensmittelindustrie einen Workshop geleitet habe, in dem ich die japanische Verwendungsweise von Tofu vorstellen konnte. Dabei habe ich verschiedene japanische Gerichte mit Tofu zubereitet und zum Probieren gegeben. Tofu ist in Japan nicht nur dem Vegetarier vorbehalten, er ist dort so verbreitet wie bei uns der Käse. Und schmeckt auch viel besser als bei uns. Das grösste Erstaunen und Begeisterung bei diesem Workshop hat jedoch nicht der Tofu ausgelöst, sondern der im Sud gekochte Rettich!

 

Bei uns findet er anscheinend hauptsächlich im Salat Verwendung. Rettich ist aber auch gekocht sehr fein! In Japan wird er oft in dicken Scheiben im typischen Fischsud und ein wenig Sojasauce gekocht und ziehen gelassen. Bei uns könnte er aber auch sehr gut in einen Topf Siedfleisch vom Rind passen.

Als Bratgemüse kann man ihn in dünnen Scheiben oder kleinen Stiften braten, er ist eine Bereicherung für Suppen und Eintöpfe, man kann ihn auch dezent gewürzt kochen und danach mit einer Sosse servieren. Je nach Schnittgrösse entfaltet er einen anderen Charakter im Gericht. Jedenfalls gibt es unzählige Verwendungsmöglichkeiten als Gemüse, die eine Entdeckung wert sind.

 

Er wird auch in Japan roh verzehrt. Für den traditionellen japanischen Rettichsalat wird Rettich und Karotten fein geraspelt, das lässt man mit Reisessig, Zucker, ein zwei Chilischoten und einer Prise Salz in einer Schüssel ziehen. Mit der Apfelreibe geriebener Rettich ergibt ein Rettichmus, das eine Zutat eines erfrischenden Dips sein kann. Es passt auch bestens als Beilage zu Grilliertem und Frittiertem, in der Art wie Kräuterbutter zum Beispiel.

 

Für die Lagerung wird Rettich in Japan getrocknet. Meist wird er dazu in dünne lange Streifen geschnitten und an der Sonne getrocknet. Beim Zubereiten legt man ihn zuerst in Wasser ein, kocht ihn dann mit Sud auf und lässt ihn auf dem Feuer bis der Sud fast ganz eingekocht ist. Der Rettich hat durch das Trocknen seinen Geschmack verändert. So zubereitet hat er einen säuerlichen Geschmack, der ein bisschen an Sauerkraut erinnert.

 

„Takuan“ ist eingelegter Rettich. Rettich wird in ganzen Stücken erst an der Luft gelassen, damit er etwas an Wasser und Festigkeit verliert, dann in grosser Anzahl in einen Bottich gelegt und eingesalzen, später kommt noch Reiskleie hinzu. Dort kann er sehr lange aufbewahrt werden und entwickelt einen eigentümlichen rässen Geschmack. Nach ein bis zwei Monaten kann man bereits anfangen davon zu essen, er hält sich aber länger als ein Jahr.

 

Ob dick oder dünn, kleingeschnitten oder in Mocken, gebraten oder gekocht, roh oder eingesalzen, getrocknet oder frisch, im Eintopf oder in der Suppe, Rettich ist für mich eines der vielseitigsten Gemüse überhaupt, schmeckt immer wieder anders und immer wieder köstlich. Rettich ist auch überaus gesund und ist eine Bereicherung unserer alltäglichen Küche.

 

Manche hier erwähnten Verwendungsweisen lassen sich zu Hause nicht einfach nachmachen und benötigen wohl den kulturellen Hintergrund, aber bei uns scheint nicht einmal bekannt zu sein, dass man Rettich auch gekocht gut verwenden kann. Ich bin begeistert von dem Gemüse und hoffe, ich konnte Sie auf neue Ideen bringen. Probieren Sie es aus!

 

 

 

In Japan gibt es die Teezeremonie. Ein paar Leute versammeln sich in entspannter Atmosphäre in einem Teehaus oder Teezimmer im traditionellen Stil. Es wird Matcha-Tee, gemahlener Grüntee getrunken, und dazu werden meist Süssigkeiten und unter Umständen auch andere Speisen serviert. Der Raum ist schlicht und einfach, wird geschmückt mit einer Blume. Die benutzten Utensilien sind oftmals erlesene in Handarbeit gefertigte Kunstwerke, z.B. die Teeschalen. Die Teezeremonie folgt einer strengen Form und höflichen Ritualen. Jede Handlung und Geste ist peinlich genau bestimmt, beginnend beim rituellen Empfang, über die sorgfältige Zubereitung und den Genuss des Tees, bis zur Verabschiedung am Schluss. Die Art und Weise, wie der Bambuslöffel in die Hand genommen wird, wie damit Teepulver der Dose entnommen wird und wie die Pulverresten vom Löffel sachte in die Teeschale geklopft werden, alles ist festgelegt. Die strenge Form ist in Wirklichkeit ein sehr natürlicher Ablauf von Geschehnissen, jede Handlung soll so ausgeführt werden, wie es in der Natur der Sache liegt.

 

Die Zeremonie ist geprägt von Wertschätzung im Umgang mit dem Mitmenschen und auch im Umgang mit den Dingen. Die vier Grundwerte in der traditionellen Kunstform sind Respekt, Stille, Harmonie und Reinheit. Mit frischem Wasser wäscht man sich Hände und Mund vor Beginn und betritt nicht nur mit sauberen Händen auch mit reinem Geiste den Raum. Es wird geredet, es ist aber ein Ort um zur Ruhe zu kommen. Die Harmonie findet sich in der Ästhetik der Gegenstände, in der zarten Blume, die zurzeit auch gerade draussen in der Natur blüht, und natürlich zwischen den Menschen.

 

Oder anders beschrieben mit den Worten des Meisters Rikyu:

„Bereite eine köstliche Schale Tee; lege die Holzkohle so, dass sie das Wasser erhitzt; ordne die Blumen so, wie sie auf dem Feld wachsen; im Sommer rufe ein Gefühl von Kühle, im Winter warme Geborgenheit hervor; bereite alles rechtzeitig vor; stelle dich auf Regen ein, und schenke denen, mit denen du dich zusammenfindest, dein ganzes Herz.“

 

Die Teezeremonie ist weit verbreitet in Japan, viele Japaner lernen die Rituale und Formen des Teemeisters und üben sie regelmässig. Andere begnügen sich damit, Gast zu sein und sich so am formellen Teeumtrunk zu beteiligen. Diese rituellen Umgangsformen haben eine lange Tradition und sind allen Japanern mehr oder weniger geläufig. Die in der Zeremonie verinnerlichten Formen und Rituale wurden in den Alltag mitgenommen und haben die alltäglichen Umgangsformen in Japan im Laufe der Zeit geprägt. So wird die Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme, die einem der Japaner zukommen lässt, sicher auch von solchen Traditionen herrühren.

 

Nun, bei uns würde man wohl eher Kaffee statt Tee trinken. Ja, stellen Sie sich mal vor, es gäbe bei uns eine Kaffeezeremonie. Ein harmonisches Beisammensein in einem schlichten schönen Raum, im traditionellen Walliser Baustil, und ein Holzfeuer, auf dem der Wassertopf kocht; der Kaffee wird nach allen Regeln der Kunst perfekt zubereitet, in entspannter Atmosphäre wird er mit kleinen Köstlichkeiten genossen. Sorgfalt und Ruhe im Umgang mit den Utensilien, Freundlichkeit und Zuvorkommenheit gegenüber den anderen Teilnehmern bestimmen die Runde. Diese Erfahrung tragen sie von dort in den Alltag hinein, lassen die Freude an dieser Ästhetik im Alltag aufleben, erfreuen sich der Harmonie der zeremoniellen Umgangsformen in alltäglicher Gesellschaft. Wäre vielleicht auch schön, oder?

 

 

Vielleicht haben Sie folgenden Witz schon mal gehört:

Eine Blondine geht zum Frisör. Der Frisör sagt: „Nehmen Sie bitte die Kopfhörer ab!“. Die Blondine wehrt sich: „Nein, das geht doch nicht.“ Erwidert der Frisör: „Aber ich kann Ihnen so doch nicht die Haare schneiden!“ und setzt ihr die Kopfhörer ab. Nach einem kurzen Moment fällt sie tot um. Erstaunt nimmt er den Kopfhörer und hört hinein: „Einatmen,… ausatmen, … einatmen, …“

 

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich will mich nicht lustig machen über Blondinen. Bei der Meditation geht es zuerst mal darum, sich auf die Atmung zu konzentrieren, also regelmässig und tief zu atmen. Nichts anderes als sich ständig zu sagen: Einatmen,… ausatmen, … einatmen, …

So einfach das scheint, so schwierig ist es dann doch, stets regelmässig und tief zu atmen. In unserem Alltag atmen wir oftmals unbewusst eher flach, und je nach Gefühlszustand kann auch der Rhythmus unserer Atmung gestört sein. Traurigkeit kann die Atmung zittrig werden lassen, im Stress atmen wir schnell und flach, wenn wir wütend sind vielleicht schnaubend. Für einen Schauspieler kann das gerade ein Hilfsmittel sein, sich in einen Gemütszustand hineinzuversetzen. Er imitiert die typische Atmung eines Gemütszustands, indem er z.B. schluchzend und zitternd ein- und ausatmet.

 

In der Meditation benötigt es viel Konzentration auf die Atmung. In ihr liegt Kraft und Ruhe, wenn sie tief und regelmässig ist. Wenn man abschweift, wird sie sogleich viel flacher und wird durch Gedanken und Gefühle im Rhythmus gestört.

Als ich im Zendo in Japan manchmal mehrere Stunden meditierte, dann hatte ich immer grossen Appetit beim Essen. Zum einen weil die Konzentration auch Energie verbrauchte, zum anderen weil die Verdauung angeregt und stark war, wie ein Feuer, das im Bauch schwelt. Wenn ein Feuer gut mit Luft versorgt ist, dann brennt es gut. Ein Feuer, das schlecht mit Luft versorgt ist, erstickt und gibt Rauch und Qualm von sich. Genau so schien es mir mit der Verdauung zu sein, eine tiefe Atmung regte das Verdauungs“feuer“ an.

 

Der berühmte Zen-Philosoph Kitaro Nishida hat einmal gesagt: „Der Grund meines Herzens ist so tief, dass er von den Wellen der Freude und der Trauer nicht bewegt wird.“

Unsere Atmung soll unerschütterlich sein, tief und ruhig. Dann kann sie uns diese Erfahrung nahe bringen, die der Zen-Philosoph mit seinen Worten beschreibt.

Eine entspannte Atmung trägt viel zu unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden bei. Umgekehrt macht uns eine flache Atmung unstabiler, auch im Geiste.

Vielleicht sollten wir uns einfach öfter mal daran erinnern, tief durchzuatmen. „Langsam ausatmen… und einatmen, langsam ausatmen … und einatmen, …“ - und uns als Erinnerungshilfe einen Kopfhörer aufsetzen? ;-)

 

 

 

Der Zen Meister Gensho Hozumi, bei dem ich Zen übte, gestaltete jeweils eine Seite eines Jahreskalenders. Darin gab es jeden Monat eine Kalligraphie oder eine Tuschemalerei eines anderen Zen Meisters, die das Wesen des Zen ausdrückten.

Anfang des Jahres bei der Neujahrsfeier überreichte er jeweils diese Kalender an die Leute vom Dorf. Er zeigte den versammelten Leuten die Seite jenes Monats, die er gezeichnet hatte: es war eine anmutige meditierende Gestalt und er sagte dazu, die sei wirklich gut herausgekommen, die habe er schön gemalt!

Die Leute waren ein bisschen erstaunt und schmunzelten. In Japan ist man generell sehr zurückhaltend mit Eigenlob, und als Zen Meister erst recht, sollte man denken.

 

Wie kommt es nun, dass gerade ein Zen Meister so unbescheiden seine Leistung hervortut?

 

Andererseits, soll ich meine Leistung nicht auch selber anerkennen, so wie sie ist?

 

Es kann umgekehrt gar widerwärtig sein, wenn ich vor den Leuten mich und meine Leistungen herunterspiele und als gemein und nicht besonders gut darstelle, obwohl ich das gar nicht so denke. Obwohl ich vielleicht selber sehe, dass ich eine gute Leistung erbracht habe, oder das zumindest von mir glaube. Oder wenn ich bewusst bescheiden auftrete und mich insgeheim mit Bescheidenheit brüste. Und ich mich lieber sonne in meinen Vorzügen, dass ich ein so tugendhafter Mensch bin.

Unbescheidenes Auftreten ist nun mal nicht schön, aber vorsätzliche Bescheidenheit scheint auch nicht ganz ehrlich. Also wie soll ich mich denn verhalten?

 

Es gibt eine schöne Anekdote dazu:

Ein Weiser sagte zu einem Zen-Mönch: „Ich bin innerlich so frei und so sehr von allem losgelöst, dass ich nie mehr an mich selber denke, sondern nur noch an andere.“

Der Zen-Mönch erwiderte: „Ich bin innerlich so frei und so sehr von allem losgelöst, dass ich mich selbst betrachten kann, als wär ich ein anderer, und deshalb kann ich auch an mich selbst denken.“

 

Für mich liegt dort eine wichtige Erkenntnis und eine Einsicht in Grundzüge unseres Seins, nicht nur was Bescheidenheit betrifft. Generell, sind wir dann gut als Mensch, wenn wir zu uns selbst ebenso gut sind wie wir es zu einem anderen wären, wenn wir zu einem anderen ebenso gut sind wie wir es zu uns selber wären. Und diese Botschaft finden wir auch in den Worten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

 

Bescheidenheit ist für mich nichts anderes als die Anerkennung der Wirklichkeit. Und Bescheidenheit als Tugend scheint mir gar nicht notwendig, wenn ich die Dinge reinen Herzens sehe. Erst die Unbescheidenheit verlangt nach Bescheidenheit. Erst wenn ich beginne, mich selber zu überschätzen und damit angebe, wenn ich das gesunde Gleichgewicht verliere, dann wird der Ruf nach Bescheidenheit laut.

 

 

 

Kürzlich sass ich zusammen mit einem Chinesen auf dem Sessellift. Die Leistung der Schweiz sei schon beeindruckend, sagte er. Sie verfüge nicht über grosse natürliche Ressourcen und könne sich auch nicht auf billige Arbeitskräfte stützen, dennoch behaupte sie sich im globalen Wettstreit als Wirtschaftsmacht. Sie punkte mit Qualität und Zuverlässigkeit. Die Schweiz schaffe Vertrauen, auf ihre Dienste könne man sich verlassen, deshalb würden auch so viele ihr Geld den Schweizer Banken anvertrauen. Die Neutralität unseres Landes sei auch vorteilhaft, da wir nicht in Konflikte involviert würden.

Im Ausland werden einem die Eigenheiten des eigenen Landes klarer, da man auf Unterschiede zum Gewohnten stösst. Wenn ich in China unterwegs bin, fällt mir tatsächlich auf, dass manche Arbeiten unsorgfältiger als in der Schweiz ausgeführt sind. Ein chinesischer Freund aus Beijing ärgert sich über die Einstellung vieler Arbeiter in China, „so-lala“ sei ihnen gerade gut genug, viele kümmern sich nur ums Geld und hätten wenig Interesse daran, eine wirklich gute Leistung zu erbringen. Sie würden mit minimalem Einsatz nur mässig ihre Pflicht erfüllen, sagt er. Früher gab es aber in China angeblich auch mehr gut ausgebildete Handwerker und einen dazugehörigen Berufsstolz.

 

Ein Freund hat mir erzählt, dass er in der Schweizer Lehre stets daraufhin geschult wurde, Arbeiten sorgfältig und sachgerecht auszuführen. Leider stellt er einen Trend fest, dass heute unter mehr Zeitdruck gearbeitet werden müsse und ein Lehrling nicht mehr genug Zeit habe, sein Handwerk richtig zu erlernen. Heute wollen Firmen lieber Zeit einsparen, darunter leiden die Qualität und die Tradition eines Handwerkes.

 

Victorinox

 

Wissen Sie wie lange Victorinox für die Qualität ihrer Sackmesser garantiert? - Ein Leben lang! Die Uhrenfirma Patek Phillippe wirbt damit, dass ihre Uhren mehrere Generationen überdauern. Ich denke, die ganze Schweizer Wirtschaft profitiert vom Vertrauen, das solche Firmen mit ihren Produkten schaffen. Heute wird hingegen auf der ganzen Welt die Kurzlebigkeit von Produkten immer auffallender. Ein Trend, der sich auch in der Schweiz zeigt. Mich erschreckt das! Ich bedauere sehr, dass es einen solchen Trend gibt, wir bauen eine unserer wichtigsten Stärken ab.

 

Gerade jetzt im allgemeinen Trend zu immer kurzlebigeren Produkten sollten wir umso mehr auf Qualität setzen. Das beste und wichtigste Argument der Schweiz im internationalen Wettbewerb ist doch das Vertrauen, das wir schaffen!

Es ist nämlich wirklich erstaunlich, dass die kleine Schweiz eine solche Wirtschaftskraft an den Tag legen kann. Wir überzeugen mit Qualität. Ich hoffe sehr, dass wir uns dessen bewusst sind und dass wir weiterhin beste Bedingungen schaffen, damit wir Produkte und Leistungen erbringen können, auf die man sich verlassen kann.

 

 

 

Das chinesische Wort kaixin 开心 kann auf Deutsch mit „heiter, froh, vergnügt“ übersetzt werden. Auf Englisch bedeutet es „happy, joyous“. Es wird im Chinesischen häufig verwendet. Wenn man sagt: „Hat’s Spass gemacht?“, „Geht es dir gut, bist du glücklich?“, dann kommt in China regelmässig das Wort kaixin vor.

Das Wort besteht aus zwei Zeichen, das erste Zeichenkai bedeutet „offen“ oder „öffnen“, das zweite Zeichen xin heisst „Herz“. Wenn man die Zeichen einzeln für sich anschaut, dann kann man das auch so lesen: „das Herz öffnen“ oder „offenes Herz“. Ob das ursprünglich bewusst und absichtlich in diesem Sinn benutzt wurde, ist mir nicht bekannt. Heute wird das Wort kaixin ganz einfach im Sinne von „fröhlich, vergnügt“ benutzt.

 

kaixin

 

Mir gefällt dieses Wort. Es drückt aus, was ich aus meiner eigenen Erfahrung kenne, nämlich dass wahre Freude einem offenen Herzen entspringt.

Glücklich, vergnügt und heiter sind wir doch dann, wenn wir furchtlos unser Herz öffnen, unsere Stimmung und unser Befinden mitteilen und teilen können. Dann, wenn wir auch Eindrücke von aussen nach innen lassen können, unsere Umgebung mit offenem Herzen wahrnehmen.

 

Stellen Sie sich vor, wie es ist, sein Herz zu verschliessen. Können Sie sich glücklich fühlen mit verschlossenem Herzen? Die Mitmenschen kommen nicht wirklich an uns heran, und wir schotten uns ab vor der Freud und dem Leid anderer.

Oder es kann auch sein, dass wir unser Herz nur einseitig verschliessen, so dass wir uns zwar mitteilen können aber ohne dabei auf unsere Mitmenschen zu hören und Rücksicht zu nehmen. Oder umgekehrt, wir nehmen zwar Anteil an unserer Umgebung, können uns aber selber nicht mitteilen.

Das Herz öffnen, ohne Furcht! Ein verschlossenes Herz ist von Furcht bestimmt. In dieser Furcht liegt wohl auch die Wurzel von Egoismus, in der Unfähigkeit sein Herz ganz und ohne Rückhalt zu öffnen und einfach vergnügt zu sein.

 

Kaixin!

Mit offenem Herzen in die Welt hinaus! Was könnte es Schöneres geben?

 

 

Heute wird das Zölibat in der Öffentlichkeit oft diskutiert und auch dessen Aufhebung gefordert. Welche Bedeutung hat denn das Zölibat für den spirituellen Weg?

Mit 25 Jahren entschloss ich mich, im Herbst nach Japan in ein Zendo zu gehen um mich anhand der Zen Meditation mit mir selbst intensiv auseinanderzusetzen. Als ich dem Roshi des Zendos mitteilte, dass ich für einen langen Aufenthalt kommen wolle, wies er mich darauf hin, dass es sehr kalt werden könne im Winter, die Räume im Haus seien nicht geheizt.

Das machte mir Sorgen. Wenn Leute bei uns im Winter in den Bergen verloren gehen, dann erfrieren sie über Nacht. Was nun, wenn ich in Japan krank werde und in der Kälte nicht mehr gesund werde? Sollte ich es dann darauf ankommen lassen und alles geben bis zum Schluss, auch wenn ich das nicht überleben werde? Ist es nicht gerade diese Haltung, sich ohne Zurückhaltung dem spirituellen Weg zu widmen, die notwendig ist und es erst möglich macht, einen echten Durchbruch zu erreichen? Aber andererseits, dürfte ich das meinem Vater antun, dass ich schlimmstenfalls im Sarg zurückkomme aus Japan?

Diese Fragen stellte ich mir ernsthaft vor meiner Abreise. Als ich mich nun aufmachte, wusste ich nicht worauf ich mich einliess und wie lange ich tatsächlich bleiben werde.

 

Es war nicht so schlimm, wie ich es mir vorstellte. Aber ich hatte in den sieben Jahren in Japan jeden Winter Frostbrand und Frostbeulen. Das war früher bei uns anscheinend auch nicht ungewöhnlich, mein Vater kannte das aus seiner Kindheit im Saastal.

Im Zendo begann jeweils am 1. Dezember eine intensive Trainingswoche. Bis zum Morgen des 8. Dezember wurde den ganzen Tag meditiert, selbst nachts sollte möglichst ohne zu schlafen durchmeditiert werden, während sieben Tagen und sieben Nächten. Davor sollten wir all unser Hab und Gut packen und mit unserer Adresse von zu Hause beschriften. Damit wir ohne Bedenken uns voll und ganz dem Training widmen können und unseren Kollegen keine Umstände bereiten würden, falls wir die Trainingswoche nicht überleben. Auch wenn normalerweise niemand dabei umkam, so sollte uns das doch anspornen, dass wir uns voll und ganz dem Training widmen sollten.

 

Bei der Zen Meditation heisst es, man müsse den grossen Tod sterben und dann wiedergeboren werden. Vielleicht mit anderen Worten: Das, was wir als „Ich“ im Alltag wahrnehmen, sollen wir aufgeben und zu einem vom Ego ungetrübten Selbstbewusstsein zurückfinden.

Ein katholischer Priester aus den Niederlanden, hat in einer Predigt auf ähnliche Weise Anleitung zum Gebet gegeben. Er sagte, im Gebet müsse man den Tod und die Auferstehung von Jesus durchleben.

Die spirituelle Reise verlangt eine Hingabe, die kein Zurück kennt und nicht weiss, ob nach der vollkommenen Aufgabe von sich selbst noch etwas übrigbleibt.

Aber kann man sich vollkommen hingeben, ohne Bedenken und Furcht vor dem eigenen Tod, wenn man Verantwortung für Familie und Kind trägt? In einer Ehe und Familie entstehen finanzielle, emotionale und fürsorgerische Verantwortung für den Partner und die Kinder. Und dann kann man dennoch die Bande zum Diesseits aufgeben?

 

Während meiner Zeit in Japan habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob es wohl möglich sei, solch einen Weg weiterzugehen, wenn ich verheiratet wäre. Mir schien immer, dass eine solche Hingabe in Konflikt kommt mit den Verpflichtungen, die man mit der Gründung einer Familie eingeht. Zudem ist es doch viel leichter, sich für ein Leben der Einfachheit und des Verzichts zu entscheiden, wenn man alleinstehend ist.

Nun, es ist sicher nicht unmöglich, sich dem Weg der Spiritualität zu widmen und gleichzeitig Familie und Kinder zu haben, aber ob das Zölibat irgendwann aufgehoben oder doch beibehalten wird, sollte am besten die Kirche entscheiden.

 

 

Der japanische Zen Meister Sougen Yamakawa wurde oft gebeten, Kalligraphien zu schreiben. Da er in frühen Jahren noch eher ungeschickt in der Kalligraphie war, begann er sich darin zu üben. Mit der Übung bemerkte er auch immer mehr die qualitativen Unterschiede von guten und von schlechten Pinseln. Ein guter Pinsel muss die nötige Elastizität und Festigkeit des Pinselhaars haben, so dass er nach festem Druck wieder zurück in die Form findet und nicht platt bleibt.

 

Als er einmal in China auf Reisen war, kaufte er kurzentschlossen einen recht teuren Pinsel. Er wollte ihn auch gleich benutzen und sich in der Kalligraphie üben. Ob es wohl daran lag, dass das Pinselhaar aus Schafhaar bestand, jedenfalls hatte der Pinsel kein „Rückgrat“, wie man in der Umgangssprache sagt.

Er versuchte es mehrmals, aber alle Mühe war vergeblich. Es liessen sich einfach keine schönen Zeichen schreiben. Als er sich bei einem Experten erkundigte, sagte dieser: Du musst den Pinsel jeden Tag benutzen, ein oder zwei Zeichen genügen schon. Wenn du damit drei Jahre lang fortfährst, dann wirst du einen ausgezeichneten Pinsel mit schöner Festigkeit haben.

 

Kalligraphie

 

Es ist so, dass sich durch den täglichen Gebrauch allmählich im winzigen hohlen Innenraum des Pinselhaars durch das stetige Eindringen von wenig Tusche ein Kern bildet und der Pinsel schliesslich ein starkes „Rückgrat“ hat.

Pinsel, die von Anfang an gut zu gebrauchen sind, verlieren umgekehrt oft schon nach kurzer Zeit ihre Festigkeit.

 

„Ein guter Pinsel braucht drei Jahre bis er in Form ist.“ Auch im Zen gibt es eine Redewendung, die sagt „Drei Jahre auf dem Stein“, was bedeutet: Zen Training braucht mindestens drei Jahre Meditation auf einem Stein sitzend.

Man sagt auch: Um das Wesen zu erkennen, beginne bei der Form, erlerne die Form. Die überlieferte traditionelle Form, die seit alters her verfeinert und weitergegeben wird, ist frei von Überfluss und Verschwendung, sie macht Sinn. Es gibt vielerlei Arten von überlieferten Formen. Im Handwerk, in den Künsten, oder die Formen und Rituale im täglichen Umgang mit den Mitmenschen und viele mehr.

 

Im Zen Training z. B. wird in jeglichen Ritualen und alltäglichen Tätigkeiten eine strenge Einhaltung von Formen gefordert. Das geht soweit, dass selbst die Art wie man läuft, die Art des Sich-Kleidens, selbst wie man die Essstäbchen benutzt, alles strikt beachtet wird. Von den älteren Studenten beobachtet und zurechtgewiesen, erlernt der Neuling die täglichen Abläufe. Mit der Zeit reift das Verständnis für das der Form innewohnende Wesen, und die Form wird allmählich zur Selbstverständlichkeit. Im Zen bedeutet das auch, sich in Aufrichtigkeit und Natürlichkeit zu bilden.

Mir gefällt dieser Vergleich mit dem Pinsel. Und doch wundere ich mich. Wenn man dem Kind beibringt, „Danke“ zu sagen, wenn es etwas erhält, erlernt es dadurch einfacher Dankbarkeit?

Aus diesem Blickwinkel sollte man auch Traditionen und Konventionen betrachten. Durch die Tradition eignen wir uns ein Wissen an, das aus der Erfahrung gewachsen ist und nicht aufgrund von Logik und Rationalität zustande gekommen ist. Ein Wissen und Verständnis, das durch Nachahmung und Wiederholung mitgeteilt und weitergegeben wird. Das sich in Formen lebendig hält, welche sich über lange Zeit gebildet und an der Wiederholung geschliffen haben.

 

Logik und Wissenschaft hingegen verlangen die sofortige Nachvollziehbarkeit, nehmen nicht die Zeit für einen inneren Reifeprozess. Dagegen hat Althergebrachtes heute manchmal einen schweren Stand. Es muss sich vor der Wissenschaft und der Modernisierung behaupten. Unsere Ansichten müssen mit Logik nachvollziehbar sein. Aber kann die Wissenschaft in allen Lebensbereichen die nötigen Antworten geben?

Befreit von althergebrachten Formen und Konventionen, soll sich jeder individuell entwickeln und entfalten können, soll die eigene originelle Antwort auf Fragen des Lebens geben. Das wird heute bereits von Kindesalter an gefördert.

Können wir denn eigene originale Antworten geben, ohne erstmal bestimmte Umgangs- und Verhaltensformen und damit auch Haltung erlernt zu haben? Ohne unser eigenes Wesen wirklich zu begreifen?

 

Sicher ist nicht alles gut, bloss weil es Tradition ist, und schon gar nicht vollkommen. Ungutes muss man aufgeben und Traditionen wandeln sich. Mir scheint aber, heute wird der Wert von Tradition und Brauchtum oft verkannt.

Oder befreien wir uns zurzeit einfach von vielen althergebrachten Konventionen und Traditionen, um dann irgendwann deren wahren Wert wiederzuentdecken?

 

 

 

 

In Kyoto gibt es einen weltbekannten kleinen Tempelgarten, der Steingarten des Ryoan-ji. Er ist als UNESCO Weltkulturerbe aufgeführt und ist in der Tradition der Zen-Schule entstanden. Japanische Gärten, im Gegensatz zu den französischen Gärten mit ihren strengen geometrischen Formen, sind generell eine nach möglichst natürlichen Mustern angelegte Kombination von Wasser, Bäumen, Sträuchern, Gräsern, Steinen und Moosen. Sie werden harmonisch in ihre Umgebung eingebettet.

 

Steingarten Ryoanji Japan

 

Der Steingarten des Ryoan-ji gehört einer Sonderform des japanischen Gartens an, die man „trockene Landschaft“ nennt. Mit Moos, Steinen und Kies wird eine ganze Landschaft im Kleinformat nachgebildet. Der geharkte Kies stellt die Gewässer dar, die Steine stehen für die Berge und das Moos für das Grün in der Landschaft.

 

Dieser Steingarten strahlt eine tiefe Harmonie aus. In diesem Hort der Ruhe und des Friedens, auf der Rückseite des Holzgebäudes, befindet sich ein schattiger Garten mit Moosen, in dem ein zylinderförmiges Wasserbecken steht. Es ist aus Stein gefertigt mit einer quadratischen Vertiefung in der Mitte, die mit Wasser gefüllt ist, welches von einem Bambusrohr von oben herabtropft. Am Beckenrand ist zu jeder Seite jeweils ein Schriftzeichen zu sehen, das aber nicht vollständig ist. Erst die quadratische Form des Beckens in der Mitte ergänzt alle vier Zeichen zu einem Ganzen. Es sind die folgenden Zeichen: 吾 唯 足 知. Jedes dieser Zeichen enthält ein Viereck, unten, links, oben und rechts. So ergibt sich ein Spiel der Form des Wasserbeckens mit der Form der Schriftzeichen.

 

„Ich kenne nur Zufriedenheit“, ist die Bedeutung dieser vier Worte.

 

Wasserbecken Ryoanji Zufriedenheit

 

Können Sie das von sich auch behaupten? Dass Sie immer zufrieden sind?
Das sind mutige Worte! Ob arm oder reich, ob gesund oder krank, ob respektiert oder gering geachtet, können wir, ganz gleich was kommt, immer zufrieden sein? Solche Worte können wohl nur einem abgeklärten und weisen Geiste entspringen. Und gerade in dieser friedlichen Umgebung des Gartens scheinen diese Worte besonders glaubhaft.

 

Es ist also möglich. Wir können jederzeit und immer zufrieden sein! Das teilt mir ein Mönch aus vergangenen Zeiten durch diesen Brunnen mit.
Und wie können wir dahin kommen? Indem wir uns alle Wünsche ausnahmslos erfüllen und dann wunschlos glücklich sind? Wohl kaum!

Aber wie denn? Wie sollen wir leben? Wie können wir zufrieden und glücklich sein?

 

Nun, das ist eine Frage, die wir uns immer wieder stellen sollten. Mit dem Wissen, dass Zufriedenheit nicht von aussen kommt, sondern sicherlich von innen.

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