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Heute wird das Zölibat in der Öffentlichkeit oft diskutiert und auch dessen Aufhebung gefordert. Welche Bedeutung hat denn das Zölibat für den spirituellen Weg?

Mit 25 Jahren entschloss ich mich, im Herbst nach Japan in ein Zendo zu gehen um mich anhand der Zen Meditation mit mir selbst intensiv auseinanderzusetzen. Als ich dem Roshi des Zendos mitteilte, dass ich für einen langen Aufenthalt kommen wolle, wies er mich darauf hin, dass es sehr kalt werden könne im Winter, die Räume im Haus seien nicht geheizt.

Das machte mir Sorgen. Wenn Leute bei uns im Winter in den Bergen verloren gehen, dann erfrieren sie über Nacht. Was nun, wenn ich in Japan krank werde und in der Kälte nicht mehr gesund werde? Sollte ich es dann darauf ankommen lassen und alles geben bis zum Schluss, auch wenn ich das nicht überleben werde? Ist es nicht gerade diese Haltung, sich ohne Zurückhaltung dem spirituellen Weg zu widmen, die notwendig ist und es erst möglich macht, einen echten Durchbruch zu erreichen? Aber andererseits, dürfte ich das meinem Vater antun, dass ich schlimmstenfalls im Sarg zurückkomme aus Japan?

Diese Fragen stellte ich mir ernsthaft vor meiner Abreise. Als ich mich nun aufmachte, wusste ich nicht worauf ich mich einliess und wie lange ich tatsächlich bleiben werde.

 

Es war nicht so schlimm, wie ich es mir vorstellte. Aber ich hatte in den sieben Jahren in Japan jeden Winter Frostbrand und Frostbeulen. Das war früher bei uns anscheinend auch nicht ungewöhnlich, mein Vater kannte das aus seiner Kindheit im Saastal.

Im Zendo begann jeweils am 1. Dezember eine intensive Trainingswoche. Bis zum Morgen des 8. Dezember wurde den ganzen Tag meditiert, selbst nachts sollte möglichst ohne zu schlafen durchmeditiert werden, während sieben Tagen und sieben Nächten. Davor sollten wir all unser Hab und Gut packen und mit unserer Adresse von zu Hause beschriften. Damit wir ohne Bedenken uns voll und ganz dem Training widmen können und unseren Kollegen keine Umstände bereiten würden, falls wir die Trainingswoche nicht überleben. Auch wenn normalerweise niemand dabei umkam, so sollte uns das doch anspornen, dass wir uns voll und ganz dem Training widmen sollten.

 

Bei der Zen Meditation heisst es, man müsse den grossen Tod sterben und dann wiedergeboren werden. Vielleicht mit anderen Worten: Das, was wir als „Ich“ im Alltag wahrnehmen, sollen wir aufgeben und zu einem vom Ego ungetrübten Selbstbewusstsein zurückfinden.

Ein katholischer Priester aus den Niederlanden, hat in einer Predigt auf ähnliche Weise Anleitung zum Gebet gegeben. Er sagte, im Gebet müsse man den Tod und die Auferstehung von Jesus durchleben.

Die spirituelle Reise verlangt eine Hingabe, die kein Zurück kennt und nicht weiss, ob nach der vollkommenen Aufgabe von sich selbst noch etwas übrigbleibt.

Aber kann man sich vollkommen hingeben, ohne Bedenken und Furcht vor dem eigenen Tod, wenn man Verantwortung für Familie und Kind trägt? In einer Ehe und Familie entstehen finanzielle, emotionale und fürsorgerische Verantwortung für den Partner und die Kinder. Und dann kann man dennoch die Bande zum Diesseits aufgeben?

 

Während meiner Zeit in Japan habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob es wohl möglich sei, solch einen Weg weiterzugehen, wenn ich verheiratet wäre. Mir schien immer, dass eine solche Hingabe in Konflikt kommt mit den Verpflichtungen, die man mit der Gründung einer Familie eingeht. Zudem ist es doch viel leichter, sich für ein Leben der Einfachheit und des Verzichts zu entscheiden, wenn man alleinstehend ist.

Nun, es ist sicher nicht unmöglich, sich dem Weg der Spiritualität zu widmen und gleichzeitig Familie und Kinder zu haben, aber ob das Zölibat irgendwann aufgehoben oder doch beibehalten wird, sollte am besten die Kirche entscheiden.